Blasenentzündung: «Zur Vorbeugung kann man einiges tun»

Man schätzt, dass 50–60 % der Frauen mindestens einmal im Leben an einer Blasenentzündung leiden. Richtig lästig wird es, wenn die Blasenentzündung immer wieder auftritt. Prof. Dr. Hans-Peter Schmid, Chefarzt der Klinik für Urologie am Kantonsspital St. Gallen, erklärt im Interview, was es mit Harnwegsinfekten auf sich hat und welche Möglichkeiten es zur Behandlung und Prophylaxe gibt.

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Prof. Schmid, Harnwegsinfekte sind vor allem ein Frauenproblem. Weshalb ist das so?

Prof. Dr. Hans-Peter Schmid: Zum einen ist die Harnröhre bei der Frau kürzer als beim Mann, sodass Keime einfach in die Blase hochsteigen können. Zum anderen hängt es auch ein wenig von der Veranlagung ab. Die Abwehrkräfte der Blasenschleimhaut werden durch die Gene bestimmt. Bei manchen Frauen ist die Blasenwand einfach empfänglicher für die Keime, die natürlicherweise im Beckenbereich vorkommen, als bei anderen Frauen.

Kann man sagen, in welchem Alter Frauen am häufigsten betroffen sind?

Ja. Es gibt zwei Altersgruppen von Frauen, die besonders häufig betroffen sind. Die eine Gruppe sind die jüngeren Frauen zwischen der Pubertät und 30 Jahren. Die andere Gruppe sind Frauen in der Postmenopause, also ungefähr ab 50 Jahren. Der Rückgang der Östrogene führt in den Wechseljahren dazu, dass die Schleimhäute etwas dünner werden und austrocknen. Dadurch sind auch die Abwehrkräfte der Schleimhäute nicht mehr so gut und es kommt einfacher zu Infektionen. In den meisten Fällen handelt es sich jedoch um einfache, unkomplizierte Harnwegsinfekte, das heisst, um Infektionen ohne Komplikationen.

Gibt es diesbezüglich einen Unterschied zwischen Männer und Frauen?

Bei Männern ist ein Harnwegsinfekt nie unkompliziert, weil Männer normalerweise nicht an einer Blasenentzündung erkranken. Wenn Männer eine Blasenentzündung haben, dann steckt immer noch eine zusätzliche Krankheit dahinter, die abgeklärt werden muss. Das kann z. B. ein Blasenstein sein oder Fisteln, also Verbindungen zwischen der Blase und dem Darm, durch die Keime in die Blase dringen können. Es kann sich aber auch ein Divertikel (Ausstülpung der Blasenwand) oder ein Blasentumor dahinter verbergen. Oder es steckt eine gutartige Prostatavergrösserung dahinter, die dafür verantwortlich ist, dass die Blase nicht ganz entleert werden kann. Es entsteht gestandener Harn, sogenannter Restharn, der die Entstehung von Entzündungen fördert.

Woran kann man eine Blasenentzündung erkennen?

Typisch für eine Blasenentzündung ist, dass man sehr häufig zur Toilette muss, vielleicht sogar jede halbe Stunde, dabei aber nur kleine Portionen Urin lässt. Man verspürt vielleicht auch einen plötzlichen starken Drang und ein unangenehmes Brennen. Fieber gehört bei einer unkomplizierten Blasenentzündung nicht dazu.

Muss man bei einer Blasenentzündung immer zum Arzt gehen?

In milden Fällen nicht. Dann kann man sie auch mit Produkten aus der Apotheke oder Drogerie behandeln. Wenn die Beschwerden aber stark sind, Fieber dazukommt oder sich Blut im Urin befindet, sollte man zum Arzt gehen. Der Arzt wird den Urin untersuchen und eine Probe davon ins Labor schicken, um zu sehen, ob sich darin Entzündungsfaktoren befinden und Bakterien nachgewiesen werden können. Das ist wichtig, damit man das Antibiotikum bei Bedarf gezielt auswählen kann. Antibiotika dürfen nicht gedankenlos verwendet werden, weil Bakterien dadurch gegenüber diesen wichtigen Medikamenten zunehmend resistent werden.

Wann braucht es also ein Antibiotikum und wann nicht?

Das hängt von der Stärke der Beschwerden und dem Leidensdruck der Betroffenen ab. Im Grunde genommen kann der Organismus die Blasenentzündung mit ein wenig Unterstützung oftmals selbst überwinden. Aber es gibt schwere Fälle und Komplikationen, bei denen Antibiotika nötig sind.

Was wäre z. B. eine solche Komplikation?

Eine mögliche Komplikation ist die Nierenbeckenentzündung. Sie entsteht, wenn die Keime, welche die Blasenentzündung verursachen, über den Harnleiter bis in die Niere hochsteigen. Patientinnen mit einer Nierenbeckenentzündung haben auf Nierenhöhe Schmerzen in den Flanken, hohes Fieber und oft auch Schüttelfrost. Sie fühlen sich richtig krank. Das muss auf jeden Fall ärztlich behandelt werden. Solche Komplikationen sind aber eher selten. Viel häufiger kommt es vor, dass die Infektionen zwar unkompliziert sind, aber immer wieder auftreten. Das ist auch sehr lästig. Der Grund für diese wiederkehrenden Infekte sollte ebenfalls vom Spezialisten abgeklärt werden.

Wie muss man sich eine solche Untersuchung vorstellen?

Wenn Frauen zwei-, dreimal im Jahr einen Harnwegsinfekt haben, werden sie vom Hausarzt oder Gynäkologen an den Urologen überwiesen, um abzuklären, ob es einen bestimmten Grund dafür gibt. Der Urologe untersucht, ob die Blase vollständig entleert werden kann. Und dann führt er in der Regel eine Blasenspiegelung durch, bei der man sich die Blase von innen ansehen kann. Eine Blasenspiegelung wird ambulant durchgeführt. Sie dauert nur ungefähr zehn Minuten und ist nicht schmerzhaft. Aber damit kann man sich die Blase und die Harnröhre von innen betrachten und sehen, ob anatomisch alles in Ordnung ist und es sich wirklich um eine unkomplizierte Blasenentzündung handelt.
Manchmal werden die Beschwerden beim Wasserlösen nicht durch eine Infektion ausgelöst, sondern beispielsweise durch Blasensteine, die reizen, oder durch Blasentumoren. Das sind Schleimhautwucherungen, die wie ein kleiner Blumenkohl aussehen, wenn man reinschaut. Blasentumoren kommen häufig vor, das wissen viele nicht. Diese Schleimhautwucherung reizt die Blase ebenfalls, sodass man andauernd auf die Toilette muss.

In der Apotheke kann man seinen Urin mit einem Streifentest untersuchen lassen oder solche Tests zur Selbstanwendung kaufen. Wann machen solche Streifentests Sinn?

Diese Urinschnellteststreifen weisen in der Urinprobe Entzündungsfaktoren (Leukozyten) und Blut (Erythrozyten, Hämoglobin) sowie Stoffwechselprodukte und Bestandteile von Bakterien nach (Nitrit, Proteine). Dadurch kann eine Infektion durch Bakterien bestätigt bzw. ausgeschlossen werden. Womöglich ist die Blase einfach nur gereizt. Bei nicht korrekter Durchführung kann der Test aber auch falsche Ergebnisse liefern. Zeigt der Streifentest Blut im Urin an, muss das aber sicherheitshalber immer abgeklärt werden.

Was raten Sie Frauen, die zu Harnwegsinfekten tendieren, zur Vorbeugung?

Zur Vorbeugung können Frauen einiges tun! Viel trinken ist sehr wichtig, damit der Urin verdünnt wird. Es ist auch wichtig, dass die Blase regelmässig entleert wird. Viele Frauen warten damit zu lange. Sie haben eine grosse Blase, weil sie den Harndrang zu lange unterdrücken. Frauen, die häufig an einem Harnwegsinfekt leiden, sollten nach der Uhr gehen, also quasi alle zwei Stunden, und dabei die Blase möglichst vollständig entleeren. Eine weitere Möglichkeit zur Vorbeugung ist auch das Ansäuern des Urins durch Cranberrys oder Preiselbeeren. Beide Pflanzen gehören zu den Heidekrautgewächsen. In saurem Umfeld können sich viele Keime schlechter vermehren. Ausserdem enthalten Cranberrys und Preiselbeeren sogenannte Anthocyanidine, welche das Anhaften von Bakterien – insbesondere von E.-coli-Bakterien, den häufigsten Erregern von Harnwegsinfekten − an der Blasenschleimhaut erschweren. Dadurch werden die Abwehrkräfte der Blase gestärkt.
Auch Präparate mit D-Mannose eignen sich gut zur Behandlung und Prophylaxe. Im Körper wird D-Mannose natürlicherweise in kleinen Mengen gebildet. In therapeutischer Dosis eingenommen hindert D-Mannose die Bakterien daran, sich in der Blase anzusiedeln.

Was sollte bei der Einnahme dieser Mittel beachtet werden?

Von beiden Beeren gibt es sowohl Säfte als auch feste Zubereitungen wie Tabletten und Kapseln. Vom Saft muss mindestens ein halber Liter täglich getrunken werden. Da der Saft sehr sauer schmeckt, wird er in der Regel gesüsst, was unter Umständen viele Kalorien mit sich bringt. Die Kapseln haben den Vorteil, dass sie einfach hinuntergeschluckt werden können. D-Mannose ist auch sehr einfach in der Anwendung. Sie kann ebenfalls zur Vorbeugung eingesetzt werden. Dann reicht ein Sachet täglich. Diese vorbeugenden Massnahmen sind relativ einfach und auch nicht teuer. Wenn man dabei auch noch viel trinkt, verstärkt man den Wirkeffekt.

Was können Sie speziell jüngeren Frauen raten?

Bei jungen Frauen sind Harnwegsinfekte häufig mit dem Geschlechtsverkehr assoziiert. Durch Geschlechtsverkehr wird eine Blasenentzündung zwar nicht übertragen, aber begünstigt. Das Risiko kann reduziert werden, wenn nach dem Geschlechtsverkehr die Blase entleert wird. Auch gewisse Verhütungsmethoden in Form von Vaginalovula sowie Spermizide können Infektionen begünstigen, weil sie das natürliche Scheidenmilieu, das wie ein Schutzwall wirkt, verändern.

Was können Frauen tun, die sich in oder nach den Wechseljahren befinden?

Diesen Frauen können Vaginalovula mit Östrogenen helfen, damit die Vaginalschleimhaut wieder besser durchblutet und befeuchtet wird. Dadurch können unerwünschte Bakterien rund um die Eintrittspforte zur Harnröhre besser abgewehrt werden. Weil die Ovula lokal wirken, sind keine hormonellen Nebenwirkungen zu befürchten.
Eine weitere etablierte Methode ist die Immuntherapie mit abgetöteten E.-coli-Bakterien. Die Kapseln werden während drei Monaten einmal täglich eingenommen und wirken wie eine Impfung: Sie stärken die Abwehrkräfte gegen diese Erreger. Auch diese Massnahme wird gut vertragen.
Ein weiterer Tipp ist, seinen Unterleib vor Verkühlung zu schützen. Nasse, verschwitze Kleidung sollte rasch gewechselt werden. – Es gibt also einige Dinge, die man aktiv zur Vorbeugung beitragen kann!

Dr. pharm. Chantal Schlatter, Apothekerin

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