Sexuelle Hochphase oder Flaute?

Jede Frau entscheidet selbst

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Wechseljahre bringen nicht nur Beschwerden mit sich. Wenn der Hormonspiegel sinkt und die Fortpflanzungsfähigkeit erlischt, kann Frau freier denn je über ihre sexuellen Bedürfnisse entscheiden.

Von Ursula Burgherr

«Frauen leiden viel zu oft still vor sich hin», berichtet Dr. med. Karoline Bischof vom Zürcher Institut für klinische Sexologie & Sexualtherapie ZISS in Zürich aus ihrer langjährigen Praxis. Seit vielen Jahren berät sie Menschen, deren Liebesleben beeinträchtigt ist oder gar nicht mehr stattfindet. Sie hat eine Klientel aller Altersstufen. Der Grossteil davon sind Frauen zwischen 50 und 60 Jahren, die sich nach einer erfüllenden Sexualität sehnen. Doch sie fühlen sich nicht mehr begehrenswert oder leiden unter klimakteriumsbedingten funktionellen Störungen wie Scheidentrockenheit. «Wenn die Vaginalhaut in den Wechseljahren dünner wird und der Geschlechtsverkehr Schmerzen bereitet, schwindet die Lust sofort», weiss Dr. Bischof. Dieses Problem kann man gezielt und einfach mit Gleitmitteln, Östrogen-Gels, -Zäpfchen oder -Cremes in den Griff bekommen, die den Intimbereich befeuchten und praktisch keine Nebenwirkungen haben. Während der Wechseljahre produzieren die Eierstöcke unregelmässig Hormone. Phasen des Östrogenmangels wechseln mit Phasen des Östrogenüberschusses. In Eierstöcken und der Nebennierenrinde wird zudem das männliche Sexualhormon Testosteron gebildet. Wenn der Östrogenspiegel sinkt, bekommt das Testosteron mehr Einfluss. Dieser Hormonwechsel kann sehr wohl auf die Scheidentrockenheit Einfluss haben. Es ist aber nicht erwiesen, dass Östrogenmangel in direktem Zusammenhang mit einer Libidoveränderung steht.

Frau kann sich jetzt neu entdecken

Die ganz grosse Schwierigkeit, die viele Frauen während der natürlichen Umbruchsphase der Wechseljahre plagt, ist oft eine andere. In einer Gesellschaft, die immer mehr auf Jugendlichkeit abzielt, fühlen sie sich nicht mehr attraktiv. «Für Frauen im reifen Alter ist es besonders wichtig, dass sie sich nicht bloss über das Spiegelbild definieren, sondern ihren Körper bewohnen und sich in ihm zu Hause fühlen», erläutert Dr. Bischof und fügt hinzu: «Wer seine Weiblichkeit geniesst, kann eine Hochphase der Sexualität erleben und neue Vorlieben entdecken. Denn die Last der Verhütung ist weg und die Kinder sind meist erwachsen.» Das Ende der Fruchtbarkeit ist also keinesfalls das Finale des Sexlebens, sondern oft erst der Anfang. Doch auch die Dauer und Qualität der Beziehung spielen dabei eine wichtige Rolle. Wenn die Lust fehlt, gefällt Frau oft die Sexualität nicht, die sie mit ihrem Partner erlebt. «Bei vielen Frauen, die ihren Libidoverlust den Wechseljahren zuschieben, fing die Lustlosigkeit schon viel früher an», weiss Dr. Bischof aus ihrer Praxis. Während aber die Vagina junger Frauen auch in sexuell nicht erregtem Zustand immer leicht feucht ist, stellen sich gerade wegen der Scheidentrockenheit im reifen Alter oft funktionelle Probleme ein. Für Dr. Bischof hat die Phase, in der Frau nichts mehr vorspielen kann und mehr Stimulation braucht, um feucht zu werden, auch Vorteile: «Statt Kompromisse einzugehen, kann sie genau jetzt herausfinden, was ihr wirklich Lust bereitet.» Eine Hormonersatztherapie in der Menopause ist wirksam bei vielen Wechseljahrbeschwerden, nützt aber nichts, um eine nicht vorhandene Lust zu steigern. «Oft geht es vielmehr darum, sich mit dem eigenen Körper auseinanderzusetzen. Und zu lernen, sich selber und sein Gegenüber wieder zu genies­sen», erörtert Dr. Bischof.

Wechseljahre sind nicht immer der Grund für Unlust

Seelische Probleme, Stress und ein wenig ausgeprägtes Selbstbewusstsein können das Liebesleben beeinträchtigen. Im acht bis zehn Jahre andauernden Klimakterium, das den gesamten Umstellungsprozess im Hormonhaushalt vor und nach der Menopause umfasst, wirken sich Begleiterscheinungen wie trockene Schleimhäute, Schlaflosigkeit, seelische Schwankungen und Hitzewallungen oft belastend auf die Erotik aus. In solchen Fällen empfiehlt sich oft, aber nicht immer, eine Hormontherapie. «Auch Präparate aus der Naturheilkunde wie Mönchspfeffer, Traubensilberkerze, Salbei und Johanniskraut lindern Beschwerden in den Wechseljahren», sagt Prof. Dr. med. Petra Stute, leitende Ärztin für gynäkologische Endokrinologie an der Frauenklinik des Inselspitals Bern. Zudem seien nicht immer die Wechseljahre schuld an der fraulichen Unlust. «Auch Depressionserkrankungen und bestimmte Medikamente wie Antihypertensiva gegen Bluthochdruck können zu einer Libidoveränderung führen.»

Nicht für jede Frau ist Sexualität wichtig

Fest steht: Die Wechseljahre sind so individuell wie jedes weibliche Wesen selbst. Während einige Beschwerden haben, leiden andere überhaupt nicht darunter. Manche Frauen finden erst jetzt zu einer erfüllenden Sexualität, andere haben weniger Sex und stören sich nicht daran. «Wenn Sex nach den Wechseljahren keine oder eine kleine Rolle im Leben der Frau spielt, hen andere Dinge an erster Stelle, die wichtiger sind», sagt Prof. Stute und fügt hinzu: «Nicht alle meine Patientinnen empfinden einen Libidoverlust als Belastung. Bei einigen hat die Sexualität noch nie eine grosse Rolle im Leben gespielt und tut das in den Wechseljahren noch weniger. Das ist völlig in Ordnung. Erst wenn es sie stört, empfehle ich eine hormonelle Therapie mit einer begleitenden Sexualtherapie zu machen.» Ein vergleichbares Produkt zu Viagra® gibt es für die Frau noch nicht auf dem europäischen Markt. In den USA ist seit 2015 ein Präparat für die Libido prämenopausaler Frauen erhältlich. Positiv auf das Lustempfinden wirkt sich gemäss Studien ein Pflanzenpräparat mit Maca-Extrakt, Ginseng, Ginkgo, Gelée Royal und anderen Stoffen aus. Je nach Patientin zieht Prof. Stute auch eine Therapie mit männlichen Hormonen in Betracht und meint dazu: «Testosteron kann einen positiven Einfluss auf die Libido haben.» Im Zeitraum von 2006 bis 2012 gab es auf dem Markt ein Testosteronpflaster für Frauen, das das männliche Sexualhormon über die Haut abgegeben hat. In Studien wurde bestätigt, dass Testosteron die Libido der Frauen ohne wesentliche Nebenwirkungen erhöhen kann. Zurzeit gibt es kein zugelassenes Testosteronpräparat auf dem Markt für Frauen. Der Arzt kann jedoch eine Creme verschreiben, die in der Apotheke zubereitet wird. 

Wechseljahre können für die Frau ein Befreiungsschlag in jede Richtung sein. Wer für seine eigene Sexualität offen ist, kann sie neu entdecken und andere Spielarten kennenlernen. Denn für ein erfülltes Liebesleben ist es nie zu spät.

 

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